Vom eintretenden Abriebsdatum, chinesischen Qualitätsstahl und überdimensionalen Figuren

Unsere Räder versuchen unseren Zeitplan durcheinanderzubringen, denn mittlerweile existiert ein gewisser Zeitplan. Vor ein paar Tagen haben wir unseren Rückflug gebucht. Wir wollen es bis nach Bangkok schaffen und hoffen darauf, dass wir möglichst die restliche Strecke per Rad zurücklegen können. Das erfordert jedoch eine gewisse zeitliche Planung sowie auch eine entsprechende Verlängerung und Beantragung des zweiten chinesischen Visums bzw des thailändischen. Jedoch melden sich gerade unsere Räder mit ein paar Ausfällen zu Wort.
Meine Hinterradbremse hat sich nach einigen Tagen Regenfahrt dazu entschieden, dass sie nun auch mal eine Auszeit haben möchte. Ich hätte die Bremse zwar mit einem Entlüftungskit wieder umstimmen können aber Entlüftungskits sind in China genauso rar, wie Currywurststände und Milchbauern. Wer an dieser Stelle den Bauplan seines neuen Reiserades zur Hand hat, der kann die hydraulische Scheibenbremse gleich durch eine mechanische Bremse ersetzen. Genau das habe ich dann in Chengdu nachträglich gemacht. Einen weiterreichenderen Defekt hatten wir an Julius` Rad zu verzeichnen. Die Bremsfläche seiner Hinterradfelge hat vor ein paar Tagen das Abriebsdatum erreicht. Abriebsdatum ist eine treffende Worteigenkreation und gemeint ist der Tag, an dem die immer dünner werdende Seitenwand der Felge dem Reifendruck nicht mehr standhalten kann. In manchen Fällen macht sich das Abriebsdatum durch einen riesen Knall, wahnsinnig große waltende Kräfte, fliegende Fetzen, gefolgt von Überschlägen bemerkbar – Radreisen sind kein Puppentheater. Mir ist keiner dieser Fälle bekannt aber theoretisch ist dies möglich. Julius´ Fall verlief ziemlich unspektakulär, wenn nicht sogar langweilig. Glücklicherweise konnte er aber in dem Defektzustand noch zwei Tage bis nach Guangyuan fahren, sodass wir den zusätzlichen Reperaturstop in Chengdu auch ausgiebig nutzen konnten.

Unser Plan sah es vor, den Weg von Guangyuan nach Chengdu mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückzulegen, denn eine Radreise durch das Ballungsgebiet der Provinz Sichuan verlockte uns nicht wirklich. Nun tragen wir aber seit geraumer Zeit Messer aus chinesischen Qualitätsstahl mit uns rum, welche wir eigentlich erst in Deutschland wieder aus der Tasche nehmen wollen. Der aufmerksame Blogleser wird sich nun an die umfangreichen Sicherheitskontrollen an  chinesischen Bahnhöfen erinnern, denn das taten wir auch und so gingen wir stattdessen zum Busbahnhof, mussten aber feststellen, dass auch dort Gepäckstücke gescannt werden. Da uns die Messer aber am Herzen liegen, wollten wir noch weitere Karten ausspielen, so vertrauten wir uns einem privaten Busfahrer an, der uns und unsere Räder nach den Preisverhandlungen in seinen Kleinbus aufnahm, um nach 10 Kilometern an einer Tankstelle stehenzubleiben und uns zu nicht nachvollziehbaren weiteren Schritten aufzufordern. Da auch er merkte, dass uns seine Aufforderungen unsinnig erschienen, versuchte er es mit einer Art Übersetzungsprogramm auf seinem Telefon. Nett gemeint aber leider war auch er einer der Sorte Chinesen, die es nicht verstehen, dass man keine chinesischen Schriftzeichen lesen kann und die auch mit der Ich-Kann-Diese-Schrift-Nicht-Lesen-Geste nichts anfangen können. Nach einer Weile verdeutlichte sich, dass er uns für den ausgemachten Preis wohl außerhalb der Stadt in einen großen Linienbus nach Chengdu setzen wollte, um sich die Differenz des ausgemachten Geldes selbst einzustecken. Also fuhren wir die 10 Kilometer per Rad wieder zurück in die Stadt, kauften uns ein Zugticket und versuchten die Messer per Paket direkt nach Deutschland zu schicken. Nachdem uns der Postangestellte dazu aufforderte das Paket zu öffnen, dann das Paket aufgrund des Inhalts ablehnte, verabschiedeten wir uns bereits von den Messern, da sie ja von den Scannern am Bahnhof entdeckt werden müssen. Trugschluss! Abgestumpfte Scannermonitorbeobachter, unser selbstsicheres Auftreten und unsere imposante Körpergröße öffneten uns das Tor zum illegalen Messertransport. Erfolgreich erreichten wir Chengdu.

Liebe Chinesen – Menschen gaffen steht nicht über der Landessicherheit! Hinter harmlos aussehenden Zweimetermenschen könnten blutrünstige Terroristen stecken.

Nun befinden wir uns in Leshan – der Ort für unsere Visumsverlängerung. Weltbekannt für für seinen Giant Buddah. Eine Figur die innerhalb von 90 Jahren in einen Felsen gemeißelt wurde. Allein deren Nase beträgt 7 Meter Höhe. Eigentlich einen Besuch wert und da wir uns momentan auf die Fertigstellung des Visums warten, könnte man sich das Riesengerät mal ansehen, doch irgendwie hat uns der Besuch der Terracotta-Armee in Xian verschreckt. Riesenattraktionen werden in China auch riesig gehandelt. Enorme Eintrittspreis, hunderte von Souvenier-, Essens- und Zusatzangeboten und schrecklich große Menschenmassen. Das Hinaufsteigen der Buddahtreppe soll an gut besuchten Tagen drei Stunden dauern. Nur weil die Chinesen so fotoversessen sind – denn wo bekommt man sonst noch auf der Welt ein Bild von einem zwei Meter großen Fingernagel? Und das nur für 90 Yuan Eintritt (ein Mahlzeit kostet unter 10 Yuan).
Also liegen wir gerade im Hotelzimmer, schreiben Blog, lesen Bücher, waschen Wäsche und finden vielleicht noch einen Weg, den Buddah aus der Ferne zu sehen. Sollte bei der Größe doch irgendwie möglich sein.

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Restaurantklasse C - genau unsere Liga. Schäbig aber gut und günstig.

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Unglaublich viele Investitionen. Überall wird gebaut.

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Julius der kleine Fotoclown. Witzig. Hihi

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Jeder nutzbare Meter wird eingenommen. Schlecht für Camper.

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Ausnahmsweise hier mal kein Dynamit. Schade

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Entspannt die Natur genießen.

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Die chinesische Ringelnatter

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Überall wird getanzt

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Maisernte im Oktober

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Kein Sportsgeist. Wir sind hier alles gefahren!

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Alles wird mit Chilli serviert

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Nette Jungs. Sie schenkten uns mehrere Getränke und Snacks.

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Rauchen schränkt die Leistungsfähigkeit ein. Das hat sich in China selbst unter Radfahrern noch nicht rumgesprochen. Aber Schwalbennester und Haifischflossen gleichen den Nikotinkonsum schon aus.

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In Chengdu, wahrscheinlich sogar in der ganzen Provinz der einzige Radladen mit 28 Zoll Felgen und Speichen. Inhaber ist der amerikanische Radpolospieler Larry.

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Im Schlund der Berge II

Seit fünf Tagen fahren wir nun schon durch Chinas Bergwelt. Nach zwei Nächten im Zelt bei Nachtfrost und zwei weiteren Nächten, die wir wegen Regen und mangels Platz für unser Zelt in Unterkünften verbracht haben, ist heute das Gewölk aufgerissen und wir konnten einen der wenigen freien Stellen Chinas ergattern.

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Tunnel spart einige Höhenmeter. Schön trocken.

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Radputz / unser heutiges Zuhause

Ein schönes Wochenende

Shaaranxi Provinz

Wir haben unsere Räder in Baoji glücklich wieder entgegennehmen können, nachdem wir uns die Nacht wartend vor der Gepäckausgabestation unschlafend um die Ohren geschlagen hatten. Endlich waren wir wieder Radreisende – ein besonderer Schlag Tourist – ohne unsere Räder fühlen wir uns doch mehr als Normaltouristen.
Chinesische Bahnhöfe sehen besser abgesichert aus, als amerikanische Flughäfen. Meist müssen mehr als drei Sicherheitskontrollen und Gepäckstückescans durchgeführt werden, bevor man den Bahsteig überhaupt betreten kann. So mussten wir auch unsere Messer im Fahrrad verstecken, denn die werden ja gesondert versendet.

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Chefkoch - Spezialgebiet chinesische Küche

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Warten auf den nächsten Fisch

Von Baoji radelten wir mit hohem Tempo 190 Kilometer durch das chinesische Kiwianbaumekka, rein in die Millionenstadt (welche Stadt ist hier keine Millionenstadt??) Xian. In Xian verbrachten wir drei Nächte in dem Facebook-Hostel. Wir dachten ¨Cool – hier hat wohl die chinesische Internetblockade noch nicht zugeschlagen¨. Nachdem wir in unserem Zimmer dann jegliche sonst blockierte Internetdienste probierten, mussten wir feststellen, dass das Hostel im Bereich Namensrechte sehr chinesich agiert und dass auch dort die üblichen Blockaden existierten – inklusive Facebook. Die Zeit in Xian nutzen wir für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Ganz vorn dabei die Terracotta-Armee, welche aus tausenden Figuren besteht, wobei kein Soldat dem anderen gleicht. Weiterhin ist Xian dafür bekannt, dass es eine der wenigen Städte mit noch vorhandener Stadtmauer ist. Wir hörten, dass man diese sogar mit Fahrrad befahren darf. Das wollen wir. Die erste Enttäuschung mussten wir einstecken, als uns mitgeteilt wurde, dass man dafür Räder mieten muss. Auch der Hinweis auf unsere eigenen Räder half da nicht weiter – fahren auf der Stadtmauer geht nur mit Leihrädern. Da haben die Stadtmauerverantwortlichen wohl einen ganz pfiffigen Finanzexperten im Boot. Das bestätigte dann auch der Eintrittspreis für Fußgänger – leider hatte an diesem Tag bereits die Terracotta-Armee den Rahmen für Eintrittsgelder gesprengt – Tagesbudget erschöpft.

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Teil der Terracotta-Armee

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Tempel in Xian

Am 13. Oktober pedalierten wir Richtung Süden raus aus der Stadt und nach 25 Kilometern hatten wir die Stadt dann auch schon verlassen. Der Anstieg in das Qin Ling Gebirge folgte. Nachdem wir von Baoji nach Xian ausnahmslos auf stressigen Straßen mit unterbrechungsfreier Besiedlung unterwegs waren, hofften wir nun auf hohe Berge, viel Wald und wenig Häuser. Genauso kam es. Eine wirklich fantastische Strecke, mit einigen Höhenmetern, welche auch von vielen chinesischen Langstreckenradlern genutzt wird.
In diesen weniger dicht besiedelten Gegenden müssen wir unsere Essensgewohnheiten noch etwas anpassen, denn es mangelt einerseits an Einkaufmöglichkeiten und andererseits auch an Einkehrmöglichkeiten. Üblicherweise geht man in China immer essen, da selber kochen weniger lecker, aufwändiger und teurer ist. So bekommt man außer in großen Supermärkten und vielleicht auf dem Basar keine Lebensmittel zu kaufen. Auf dem Land gibt es zwar kleine Lädchen aber deren Angebot beschränkt sich auf RedBull (asiatische Ausführung – Dose klein, dick, gold und ohne Kohlensäure) und eingeschweißte Hähnchenschenkel, welche hier kalt als Snack verspeißt werden. Einen Basar konnten wir seit Xian auch nicht mehr finden, denn dieses Gebirgstal scheint so fruchtbar zu sein, dass sich jeder Haushalt ohne Probleme selbst versorgen kann. Hier sieht man wirklich alles – Erdnüsse, Tomaten, Bohnen, Chilli, Bananen, Pilze, Kübis, Salat, Kohl, Aubergine, Mais … Tja und Einkehrmöglichkeiten können wir entweder noch nicht ausreichend gut mit dem Auge ausmachen oder es gibt tatsächlich nicht viele.

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Winkende Radfahrer

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Teepause mit chinesischen Radlern

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Am Morgen nach einer Nacht unter Null

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Blick in das Tal durch das unser Weg führt

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Chinesin - schon seit Jahren

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Herbst in Qin Ling Gebirge

Am Morgen des 14. Oktober suchten wir eine Frühstücksmöglichkeit und fanden auch recht schnell eine. Zumindest bejate man unsere fragende Essensgeste. Man reichte uns ein Menü, welches komplett in chinesisch war. Jeder Deutung auf ein Gericht folgte eine ausschweifende Erklärung, welche scheinbar die Erklärung eines Problems mit dem jeweiligen Gericht beinhaltete. Hungrige Minuten vergingen und wir gingen zu Plan B über – rein in die Küche und auf Dinge in der Küche deuten. Wieder kein Erfolg. Nun war Zeit für das Ohne-Wörter-Wörterbuch, in dem kategorisiert Bilder von Dingen abgebildet sind. Wir stellten anhand der Bilder ganze Gerichte zusammen. Ein Mann kam mit einem lebenden Huhn an und bot uns dieses an aber was sollen wir mit eine lebenden Huhn? Weitere Minuten vergingen, indem wir sämtliche Gesten ausprobierten und anschließend nochmals im Ohne-Wörter-Wörterbuch auf die einfachsten Dinge deuteten. Resigniert ging Julius erneut in die Küche und konnte feststellen, dass sich tatsächlich was tut. Wir bekamen Brot und Rührei mit Lauch. Während wir noch auf das Essen warteten kam einer der Zuschauer aus dem Nachbarshaus und setze sich mit seiner Schüssel essend neben uns. Hat denn dort keiner ansatzweise verstehen können, dass wir einfach nur Hunger hatten?

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Hunger - wie wäre es mit einem Huhn?

Der große Sprung nach vorne

Zugfahren hat etwas magisches. Erst recht im Schlafwagen. Man wird sanft in den Schlaf gewogen und kann beim Aufwachen die Landschaft vorbeiziehen sehen.

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Unser Heim für 38 Stunden

Von Kaschgar aus fuhren wir 24 Stunden durch die Wüste nach Urümqi, die Hauptstadt der Provinz. Dort machten wir eine Nacht Stop und ließen diese erste chinesisch Großstadt auf uns wirken. Vor zehn Jahren noch bei ca. 1,7 Millionen Einwohnern ist die Stadt auf ca. fünf Millionen gewachsen. In Urümqi trafen wir noch mal Jürgen, einen Radler den wir in Kirgisistan kennengelernt hatten. Am Tag drauf ging es dann mit dem Zug weiter.

Über Nacht ändert sich das Bild. Sind wir von Urümqi aus noch durch die Wüste und an Ölfeldern vorbei gerauscht, so hat sich die Landschaft heute Morgen in eine weite Fläche mit Maisfarmen gewandelt. Gegen Abend kamen dann Tunnel und Berge.

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Fahrt durch Lanzough. Chinesischer Bauboom

Um 2:15 wurden wir dann in Baoji aus dem Zug geworfen und jetzt warten wir darauf, dass die Gepäckstation öffnet. Leider sieht es nicht so aus als könnten wir ein wenig schlafen.

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Nachtlager

Liebe Grüße

Kaschgar

Wir haben eine Woche Kaschgar hinter uns. Seit heute Morgen lassen wir uns mit dem Zug durch Chinas Nord-Westen kutschieren. Ein stetiges ratt-tatt ratt-tatt begleitet unsere Fahrt.

Die Woche in Kaschgar haben wir genossen und größtenteils mit Lesen und Teetrinken verbracht. Wir hatten ein schönes Hostel in Kashgar gefunden, das uns einen Plätzchen für unser Zelt anbot. Einen Garten hatte ich nicht gesehen und als ich nachfragte, war die Antwort: ¨Auf dem Dach¨. Da das Hostel außerdem über eine Kaffeemaschine verfügt, ist die Entscheidung schnell gefallen.

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Dachplätzchen

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Vielfältige Einkaufsmöglichkeiten

Kashgar ist Chinas westlichste Stadt und in dieser Eigenschaft sicherlich eine der unchinesischsten. Die dort lebende Volksgruppe der Uiguren ist wie ihre Nachbarn im Westen turksprachig und muslimisch geprägt. Durch die Lage der Stadt am fruchtbaren Westende der großen chinesischen Wüsten, war sie ein bedeutendes Zentrum an der Seidenstraße. Die aus dieser Zeit stammende Altstadt ist auch die Hauptsehenswürdigkeit. Noch! Denn die Regierung hat beschlossen, dass Häuser, die bis zu fünfhundert Jahre gestanden haben auf einmal nicht mehr erdbebensicher sind. Folgerichtig wird Altstadt eingerissen und an selber Stelle neu aufgebaut. Zwar werden die neuen Häuser aus Beton mit Lehm und allerlei orientalischem Zierwerk verkleidet aber das hier hunderte Jahre Kultur und Geschichte mutwillig zerstört wurden ist nicht zu übersehen. Das sich die neue Stadt mit ihren breiten Straßen und Überwachungskameras besser unter Kontrolle halten lässt ist sicherlich kein zufälliger Nebeneffekt.

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Alte Altstadt

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Neue Altstadt

Dennoch ließ sich in Kashgar viel neues entdecken. Denn gesten fand das muslimische Opferfest statt. Zum Opferfest gehört – dem Tannenbaum an Weihnachten nicht unähnlich – ein Opfer, in Form eines Vieläufers – in Kaschgar ausnahmslos stattliche Hammel. Und so sammeln sich im Zuge der Festvorbereitung die Männer an diversen Viehständen und betrachten die armen Geschöpfe.
Das Schlachten findet dann auf offener Straße und durch einen Schnitt durch die Kehle statt und mann kann die komplette Häutung und Ausweidung des Tiers verfolgen.

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Kauf des Tieres

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Ende des Tieres

Am folgenden Tag werden dann keine Tiere mehr verkauft, sondern Felle.

Jetzt liegen wir faul im Schlafabteil unseres Zuges und warten auf unsere morgige  Ankunft in Ürümqi. Dort werden wir für 24 Stunden aussteigen und übermorgen einen weiteren Zug nach Bao Ji besteigen, wo wir zwei Tage später unsere vorausgeschickten Räder einholen werden, Inschallah.

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Bettenlänge: 1,96 m

Liebe Grüße,
Micha und Julius

Etappenfotos

Heute folgen dann auch die Fotos der letzten Tage.

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Von Sari Tash zur Grenze

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Beeindruckende Berglandschaft vor einer 6000er-Kette

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Kälte auf dem Pass - 3536 m Höhe. Winterhandschuhe kamen zum ersten Mal zum Einsatz.

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Canyon im Nebel

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Julius am Anstieg

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Teil der wahrscheinlich abwechslungsreichsten Etappe der Tour

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Nura - der letzte Ort vor der Grenze. Jede Menge Nachwuchs in diesem abgelegenen Ort

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Erste chinesische Eindrücke

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Suche nach der Alternative zur autobahnähnlichen Hauptverbindung von Ulugchat nach Kaschgar

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Der Weg führt durch den Küchenbereich eines chinesischen Nomaden

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Auf der Karte war die Straße gelb eingezeichnet.

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Immer am Fluß entlang

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Kaum Kommunikationsversuche - die Chinesen sind wesentlich distanzierter

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Mit niemandem über Politik sprechen

Willkommen in China!

Aufgrund der chinesischen Feierwoche wurde so gewaltig an der Grenzöffnungszeitschraube gedreht, dass lediglich nur noch der kleine Hinweiszettel im Fenster des Grenzhäuschen wusste was los ist. Die übliche Wochenendschließung der Grenze wurde am Wochenende vor der chinesischen Feierwoche aufgehoben, dafür aber die üblichen Öffnungszeiten am Montag und Dienstag gestrichen, sodass vom 1. Oktober an kräftig eine Woche lang gefeiert werden kann. Glücklicherweise erreichten wir die Grenze noch am Sonntag kurz vor der Schließung, entdeckten den kleinen Hinweiszettel und reagierten entsprechend mit der Chinaeinreise. Andere Touristen die wir am Samstag noch in Kirgisistan kennenlernten, müssen dem Öffnungszeitenwirrwar wohl zum Opfer gefallen sein.

Überraschenderweise wurde an der Grenzstation der besonders schnelle Service der chinesischen Grenzer beworben – “95 Prozent der Einreiseprozesse werden in weniger als 25 Minuten abgewickelt”. Unser Einreiseprozess dauerte circa 6 Stunden, wobei man fairerweise erwähnen muss,  dass man verpflichtet ist 150 Kilometer mit dem Taxi zurückzulegen. Soweit sind geografische Grenze und letzter Grenzposten in Ulugchat voneinander entfernt.

Wie lang in China Polizeikontrollen dauern können, mussten wir am zweiten Tag erneut feststellen. In einem kleinen Dorf hielten wir an um Brot zu kaufen. Zeitgleich wurden wir von der Polizei als potentielle Gefahr erkannt. Nach einer Stunde Passkontrolle wurden wir als harmlos eingestuft und durften weiterziehen. Circa 20 Stunden später waren wir gerade dabei unser Nachtlager abzubauen,  als plötzlich circa zehn schwer bewaffnete Polizisten auftauchten, um unsere Pässe erneut zu kontrollieren. Darauf folgte die Aufforderung sie in das lokale Polizeirevier zu begleiten. Nun sitzen wir hier wartend bereits eine Stunde am Verhörungstisch und schreiben Blogeinträge, hören Chinasprachkurse, schreiben Tagebuch und lesen Bücher. Mal schauen ob wir erneut als harmlos eingestuft werden.

Wir warten auf einen Dolmetscher. Im Hof der Polizeistation sehen wir die zehn Polizisten, die uns vor zwei Stunden an unserem Zeltplatz begrüßten. Sie haben sich scheinbar ihrer gewöhnlichen Tagesbeschäftigung gewidmet – auf dem Moped sitzen, den Betonboden wässern,  rauchen, telefonieren und auf weitere böse Touristen warten. 

Es sind 5 Stunden vergangen. Wir konnten der Polizei ohne Strafe entkommen. In der Provinz Xinjiang ist man als zeltender Tourist meldepflichtig.  Ebenso muss man der lokalen Polizei eine Einladung eines Bürgers melden, man darf keine politischen Gespräche führen und keine Bilder von Militär und Polizei machen. Das wurde uns in dem zweistündigen Polizeuaufenthalt übermittelt. Außerdem wurden unsere Bilder geprüft und nach dem Inhalt der Taschen gefragt. Alles verlief sehr freundlich aber der Auftritt machte schon deutlich klar wie sich China das Verhalten seiner Besucher vorstellt.

Mittlerweile sind wir bereits in Kaschgar angekommen und können die weiteren Erlebnisse der Etappe von Sari-Tash nach Kaschgar reflektieren.

Als wir Sari-Tash verließen versperrten uns zwar Wolken den Blick auf die beeindruckenden sechs- bis siebentausend Meter hohen Berge, doch sorgte der Nebel für eine besondere Wahrnehmung der außergewöhnlichen Landschaft. Während wir uns am Aufstieg zum nächsten Pass abmühten hohlten wir auch Oliver und Marlene ein, das französische Pärchen, das wir schon zwei Tage vorher getroffen hatten. Zusammen wollten wir die Grenze überqueren.

War die Landschaft vor dem Pass außergewöhnlich, so änderte sie sich nach dem Pass in spektakulär. Bergab und mit Rückenwind entfiel nicht nur das Kurbeln, sondern man hatte ausreichend Gelegenheit den Canyon zu unser Rechten zu bestaunen.

Nach der Grenze konnten wir dann aus dem Taxi beobachten, dass auch dieser Abschnitt sehens- und beradelwert ist. Einmal musste der Wagen kurz vor einem Kamel bremsen – deutlich mehr Fell als in Usbekistan – und aus der Ferne konnten wir die ersten Yak Herden beobachten. Da uns die chinesische Staatsmacht zum Taxi gezwungen hat, blieb uns nur ein Vorbeihuschen um die Eindrücke aufzusaugen.

Dafür entschädigte uns die Fahrt von der Einreise bis Kashgar mit schöner Landschaft. Die Straße gab es zwar als solches nicht, doch konnten wir einer Fahrspur duch ein enges Flusstal folgen. Häufig verlief die Piste direkt durch den Wasserlauf. So wurden die Räder abwechselnd nass und mit Sand bestäubt. Die Lager freuen sich.

Jetzt haben wir in Kaschgar ein Hotel inklusive Wlan und Dusche bezogen und freuen uns auf das Ausgeben der frisch erworbenen Yuan.

Liebe Grüße,
Micha und Julius

Bilder folgen…

Verlängerung Kirgistan

Vor ein paar Stunden schrieben wir noch von dem heute ansteheden Grenzübergang. Alles Quatsch – wir verlängern unseren Aufenthalt um zwei Tage. Natürlich nicht freiwillig. Seit gestern nehmen wir immerwieder verschiedene Geschichten bezüglich der Grenzöffnungszeiten entgegen. Mal ist die Grenze Samstag, mal Sonntag, mal an beiden Tagen, mal für die nächsten 12 Tage, mal ab Montag bis achten Oktober geschlossen. Aus circa dreihundertundvier unterschiedlichen Aussagen haben wir uns nun unsere Version der Wahrheit zusammengestrickt. Wir gehen davon aus, dass die Grenze am Wochenende geschlossen hat, denn davon haben wir bereits vorher schonmal gehört. Vom ersten bis siebten Oktober wird die Grenze auch geschlossen haben, denn da zelebrieren die Chinesen 7 Feiertage am Stück.
Wir nutzen nun die Lücke zwischen dem Wochenende und der Feierwoche. Morgen werden wir die restlichen 78 Kilometer zur Grenze radeln, um am Montag in der Früh nach China überzusetzen.

Dafür gibt es heut ein Extraportion Bilder.

Viele Grüße aus dem Gästehaus “Elisa” in Sari-Tash.

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AThouse Bischkek - Weltradler aus Türkei, Iran, Italien und Deutschland

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Interessierte Kinder auf dem Weg nach Sari-Tash

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Auf dem Taldik-Pass

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Wassernachfüllstation

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Auf dem Weg nach Sari-Tash

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Spontane Gesangseinlage des Kirgisen

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Herbst - das Vieh wird ins Tal getrieben

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Kirgisischer Verkehr

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Herbst in den Bergen Kirgistans

Abschied aus Kirgistan

Aufenthalsrekord für Kirgistan! Dieses Land haben wir am 7.8. betreten und wenn alles gut geht, werden wir es noch heute verlassen – aber der Reihe nach:

Am 24. haben wir Bishkek verlassen und uns mit einem Kleinbus nach Osh beamen lassen. Dort verbrachten wir die Nacht in dem uns bekannten häßlichsten Hotel der Reise. Dieses mal war das Zimmer noch eine ganze Ecke verranzter. Tagsdrauf war dann wieder Radeln angesagt.

Zwei Pässe (Chyiyirchik – 2402 m und Taldik 3615 m), 2 Tage und und circa 200 wunderschöne Kilometer später befinden wir uns in Sari-Tash und somit an der letzten Kreuzung unserer Reise durch Kirgistan.

Hiermit verabschieden wir uns aus dem schönen Kirgistan und auch aus Zentralsien. Kirgistan hat all unsere Erwartungen erfüllt und wir behalten es als Highlight unserer Reise in Erinnerung.

China wir kommen!

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Blick vom Taldik Ashuu Pass

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Der bisher höchste Punkt unserer Radtour - Taldik Ashuu Pass - 3615m Höhe

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Ebenfalls auf dem Weg nach Kaschgar - Jürgen (BRD), Oliver (FRA), Marlene (FRA)

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Eines der euphorisch grüßenden Dorfkinder.

Eine Liebesreise durch Kirgistans Osten

Einfach eine tolle Überschrift, deren Reihenfolge die thematische Gewichtung der letzten 2 Wochen widerspiegelt, denn in diesen stand das Wiedersehen mit Netti und Luca im Vordergrund und so verliefen die meisten unserer Tage angenehm träge und definitiv nicht im Sinne eines aktiven Touristen.

Nach zwei Nächten in Bischkek brachen wir zu den ersten ¨Worl Nomad Games¨ auf. Dabei handelt es sich um einen einwöchigen Eventmix aus exotischen Sportveranstaltungen und der Darstellung von Geschichte, Tradition und Kultur der teilnehmenden nomadischen Völker. Kirgisen sind wahrlich keine Organisationswunder. Neben verschiedenen Versionen von Ablaufplänen musste man mit mehrstündigen Verzögerungen rechnen und so haben wir in unserer eintägigen Anwesenheit lediglich ein Spiel des täglich ausgetragenen Sports Kok-Boru gesehen. Dabei handelt sich es um den Kampf zweier Teams, welche sich um eine geköpfte Ziege streiten, indem sie reitend versuchen möglichst oft die Ziegenleiche in ein Steinbecken zu werfen. Ziemlich verrückte Angelegenheit, ebenso wie Pferdewrestling und das Jagen mit trainierten Adlern. Die Spiele waren den kurzen Besuch wert, denn neben den interessanten Eigenarten der Nomadenvölker aus Ländern wie Russland, Mongolai, Turkmenistan, Türkei usw. hat auch die tolle Bergkulisse des Issyk-Kul-Sees beeindruckt. Die Spiele brachten 400 Sportler aus 20 Nationen und 45000 Zuschauer zusammen, wovon 10% Touristen waren. Neben Bekanntschaften aus Bischkek trafen wir erfreut Daniel und Elena wieder, mit denen wir vor 2,5 Monaten 4 Tage auf der Fähre von Varna (Bulgarien) nach Poti (Georgien) verbrachten. Somit haben Netti und Luca auch einen kleinen Teil unserer bisherigen Reise kennenlernen dürfen.

Weiter ging es nach Karakol, einem Ort der am östlichen Rand des großen Issyk-Kul-Sees liegt und ein Muss für wanderfreudige Bergtouristen ist. Unglücklicherweise wurde Netti in der ersten Nacht in Karakol Opfer einer für Zentralasientouristen gängien Magenverstimmung, so dass wir unseren Start der Wanderung um ein Tag verschoben, was sich aufgrund des Regens aber ohnehin als klever erwies. Die Wanderung führte uns dann einem Fluss folgend raus aus Karakol, hinauf auf ein Bergplateau mit dem türkisfarbenen See Ala-Kul (circa 3500 Meter Höhe), hinauf auf einen 3900er-Pass, der uns in ein weiteres Tal führte, welches wiederum in einem Tal mit heißen Quellen endet. Jedem Wandertourist in Kirgistan ist nahezulegen, dass er sich unabhängig von den Touristenbüros und Einwohnern der Wanderregion über die Gegebenheit, Schwierigkeitsgrad und Länge der gewünschten Wanderung informiert. Wie bereits bei meiner Geburtstagswanderung in Arslanbob mussten wir feststellen, dass dieser kirgisische Wanderroutenklassiker von den lokalen Informationsgebern unterschätzt wird bzw. einem nicht das Niveau der Wanderung vermittelt wird. Man muss sich als europäischer Wanderer stark von der Vorstellung lösen, dass Warnschilder, Prospekte und Touristeninformationen sanft auf das Erlebnis vorbereiten. Wir verplanten uns bei der Routenlänge, somit auch bei der mitgenommenen Verpflegung. Weiterhin mussten wir feststellen, dass dieser Wanderroutenklassiker nicht dem Schwierigkeitsgrad eines Durchschnittwanderers entspricht, sondern dass wir mit Steigung, Tagesetappenlänge überfordert waren und wir ziemlich nah an die Grenzen des Machbaren kamen. Am Ende des dritten Tages gestanden wir uns ein, dass die Wanderung für uns nicht innerhalb von drei Tagen zu machen ist. Somit stoppten wir mit leeren Verpflegungsbeuteln, um am nächsten Morgen weitere 6 Kilometer zu einer kleinen Touristenunterkunft zurückzulegen. Nachdem die Zelte aufgebaut waren, setzte der Regen ein, der sich in der Nacht in Schnee wandelte und uns eine besonderes kalte Nacht bescherte. Am folgenden Tag mussten wir den Weg zu der Unterkunft im Schnee zurücklegen. Die Unterkunft bot unseren hungrigen Mägen ein ausgiebiges Frühstück, viel Glücksgefühle bezüglich des Geschafften und anschließen einen ausgiebigen Besuch des Naturspabereichs – den heißen Quellen.
Eine identische Wanderroute wäre in den Alpen mit Griff- und Steighilfen sowie hunderten Warnschildern versehen. Wahrscheinlich hätte uns genau das abgeschreckt, sodass man die Wanderung einfach gelassen hätte und somit auch die unfassbar schöne Landschaft, all die traumhaften Perspektiven, die bezaubernden Ausblicke und den regenerierenden Abschluss der Wanderung verpasst hätte.

Nach weiteren zwei Nächten in Karakol wurden wir noch einem weiteren Kirgistanhighlight gerecht. In dem im Süden des Issyk-Kul gelegenen Ort Tamga buchten wir einen Ausritt in die Berge. Besonders groß war die Freude bei Netti und Luca, wobei ich nach circa 3 Stunden reiten niemanden beneide, der eine fünftägige Reittour bucht.

Vor Nettis und Lucas Abreise verbrachten wir noch zwei Abende in Bischkek, in denen immer wieder das traurige Gefühl des wieder Getrenntseins aufkam.
Jetzt wo wir wieder zu zweit in Bischkek sind haben wir uns wieder in unsere Lieblingsunterkunft, das AThouse – den Zeltplatz für Fahrradfahrer, begeben. Nach all den Tagen die wir bereits in Bischkek verbracht haben, den vielen Bekanntschaften und bereits fünf unterschiedlichen Unterkünften fühlen wir uns hier ein kleinwenig daheim. Trotzdem werden wir uns morgen eine Transportmöglichkeit nach Osh besorgen und von dort aus auf die für uns letzte Etappe in Kirgistan starten – der Weg von Osh zur chinesischen Grenze.