Kunming

Acht Grad, Nieselregen seit dem Frühstück, Gegenwind und das alles bergauf auf über 2700 m Höhe. Nicht der Stoff aus dem Radfahrerträume gemacht werden. Wir steuern also die nächste Raststätte an und wärmen uns mit heißem Wasser auf. Heißwasser gibt es fast überall. In Cafés und Restaurants in Thermoskannen und an Tankstellen, Bahnhöfen, im Zug aus Automaten. Im Hotel steht immer auch ein Wasserkocher. An kalt nassen Regentagen zum Aufwärmen willkommen und auch an warmen Tagen praktisch da man sich keine Sorgen um unbedenkliches Trinkwasser machen muss.
Irgendwann hat dann der Regen aufgehört und wir können weiter radeln. Mitlerweile zeigt der Tacho über 10000 km an und leider hat auch mein Hinterreifen davon Wind bekommen und denkt an Ruhestand. An den letzten drei Tagen musste ich täglich Löcher flicken. So viele wie in den 10000 km zu vor. Kurz nach dem wir die Raststätte immer noch frierend verlassen haben merke ich das es wieder so weit ist. Micha sehe ich grade über die Bergkuppe verschwinden – mit der Pumpe. Also anhalten, kaputten Schlauch raus, Nadel aus dem Mantel fummeln, neuen Schlauch rein und auf die Pumpe warten. Bis Micha auf mich wartet, die übliche Zeit abwartet, merkt, dass ich nicht komme, sich auf den Rückweg macht und schließlich mit der Pumpe bereitsteht kann es noch dauern. Immer noch frierend stelle ich mich also auf Warten ein. Da sehe ich durch den Nebel ein Frontlicht auf mich zukommen. Die Rettung kommt keine fünf Minuten nach dem ich den Schlauch gewechselt habe in Form von vier radelnden Schweden mit einer Standpumpe – das nennt sich dann wohl Timing, andere Radfahrer hatten wir seit Wochen nicht gesehen.

Wir haben Kunming erreicht. Die chinesischen Behörden haben sich dann doch entschieden die Straßen nach unserer Karte zu bauen und Kunming ließ sich gut finden. Leider ist es nahezu unmöglich für uns nach dem Weg zu fragen. Nicht alle der Städte auf unserer Karte haben neben zwei Namen in lateinischer Schrift auch die Schriftzeichen. Und die Umschreibung ist nur für die interne Kommunikation der Reisegruppe geeignet. Im Chinesischen ist nämlich die Tonlage entscheidend. Sie kann in Silben sinken oder gehoben werden oder erst sinken und dann gehoben werden. Will man also nach dem Weg fragen probiert man alle Möglichkeiten aus. Selbst bei dem einfache Wort für Deutschland ¨De-Goa¨ kann ich mir die Aussprache partout nicht merken. Vielleicht ist es auch mehr ein ¨Da-Gooa¨ oder ¨Dä-Goä¨.
Nur bei einem Wort sind wir uns sicher. ¨Gao¨ heißt groß. Das hören wir schließlich täglich mehrmals.

Schriftzeichen sind das nächste Kapitel. Ein paar haben wir gelernt. Mensch (rund zulaufendes V auf dem Kopf), Groß (Mensch mit Querstrich), Mittel (Kasten mit Strich durch die Mitte) und Klein (Regenschirm), das Zeichen für Geld (Pi mit Strich drüber) und Hotel (Kotzendes Pi und Parfüm). Wirklich weit kommen wir damit leider nicht.

In Kunming haben wir uns heute Morgen um unser Visum für Thailand bemüht. Da wir es erst Montag abholen können, bleibt uns Zeit für Radpflege, Routenplanung, Tagebucheinträge und all die Dinge für die man an Radtagen zu faul und erschöpft ist.

Montag soll es also weiter gehen. Richtung Süden, Richtung Laos!

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Romantischer Campingplatz mit Blick auf Wasserfall


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Wasser von oben. Volle Absicht.


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10000 km +- 1.5%


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Wasser in der Luft, wellenlängenabhängige Reflektion.


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Chinesisches Rot-Grün.

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7 thoughts on “Kunming

  1. Ni hau, vielleicht das letzte Mal (GutenTag) nach China. Die Schriftzeichen werden Euch dann verlassen, dafür gibt es dann neue Zeichen (und Wunder)!! Heute Abend sagen wir dann Prost auf die 10.000. Wir wünschen Euch eine kleine aber gute Verschnaufpause, so dass Ihr mit neuem Schwung am Montag wieder starten könnt. Bis dahin liebe Grüße “vonne” Sippe.

  2. Gegen Ende eurer langen Reise wünsche ich euch noch viele schöne Erlebnisse, heile Räder, die euch überall rechtzeitig dorthin hinbringen, wohin ihr reisen mögt, gute Laune, leckeres Essen und überhaupt alle guten lieben Wünsche. Sarah ist von hier ausgesehen gar nicht weit von euch. Sie hat allerdings den ganz bequemen Weg gewählt – mit Flugzeug nach Neu Delhi – Schüleraustausch. Auf ein gesundes Wiedersehen freut sich Tantchen Beate

  3. Lieber Julius,
    einen schönen Beitrag hast Du da geschreiben. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als Kathy hier gesessen hat und die vier verschiedenen Töne jeder möglichen Silbe im Chinesischen geübt hat. Das war sehr lusig, es gibt dazu sogar Software die es einem vormacht. Ich erwarte natürlich wie alle hier eure Heimkehr mit großer Freude, muss allerdings ankündigen, dass Du bei nächster Gelegenheit eine Runde spendieren musst. Irgendwie muss man je den M.Sc. der Physik bestrafen, der hier Unwahrheiten über die Entstehung von Regenbögen im Internet verbreitet und so zur Verwirrung der Leser beiträgt^^
    Die Reflektion ist der Grund dafür, dass Du den Regenbogen von dort aus siehst, Brechung spaltet die Farben….EX2 (erst 5 Jahre her)

    Beste Grüße,

    Lars

  4. Hallo Ihr Beiden, es ist egal, wie Lars es beschreibt, der Regenbogen sieht fantastisch aus!!!
    Hut ab, zehntausend sind ordentlich Kilometer auf dem Sattel, schon Hornhaut auf dem Allerwertesten? Eure Berichte werden immer schöner zu lesen. Buch geplant?
    Ich hab mit meiner Guzzi (die ich in den Winterurlaub geschickt habe) noch nicht so viele km gefahren wie ihr mit die Räder. Ich mach mir dann noch ein deutsches Bier auf und sage auch: Prost auf euch. Egal, wie lange eure Reise noch dauert und wieviele km es noch werden: Kommt gesund zurück

    • Buch? Kein Problem. Es gibt eine WordPresserweiterung um eine Buchdruckfunktion. Knopf gedrückt, Buch gebunden und fertig! Wir haben hier übrigens auch unser Lieblingsbier gefunden (verfügbare Schriftzeichen lassen eine Nennung leider nicht zu) und mussten feststellen, dass chinesischer Wein (Schnaps wäre treffender) uns nicht taugt.

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